Teil I: Von der Schockstarre in die Lösungsorientierung: 5 Phasen der Corona Krise

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Tiefgreifende Veränderungen und vor allem Krisen im Leben laufen bestimmte Phasen durch. So ist es auch in der vermutlich größten bisherigen Krise des 21. Jahrhunderts, der Corona-Krise.

Ereignisse, für die wir kein Erfahrungswissen besitzen, erfordern von uns Lernen. Lernen in Krisensituationen ist meistens negativ besetzt, wir bekommen Angst, weil wir die Zügel nicht in der Hand haben. Wir werden Spielbälle der Ereignisse.

Unsere erlebte Selbstwirksamkeit sinkt rapide durch den erlebten Kontrollverlust. Eine weltweite Pandemie ist eine unsichtbare Bedrohung, die jeden von uns betrifft. Die Betroffenheit der Einzelnen und der ganzen Gesellschaft ist sehr hoch. Die Akzeptanz der Situation durchläuft zunächst eine schrittweise eintretende Gefühlsachterbahn, bevor wir wieder handlungsfähig werden. Die Schnelligkeit oder die Tiefe hängen auch von vorhandenen Erfahrungen der Einzelnen ab.

Auch die neuesten Untersuchungen des Marktforschungsinstitutes concept M bestätigen einen ähnlichen Phasenverlauf im Erleben der Menschen. Sie haben tiefenpsychologische Interviews Anfang März 2020 in China, Italien, Deutschland und den USA durchgeführt.

Diese Länder befinden sich in jeweils anderen Stadien des Umgangs mit der Krisenbewältigung. Die gute Nachricht: Wir haben die Chance, aus den Erfahrungen der anderen Länder zu lernen. Folgende 5 Phasen wurden identifiziert:

Inkubation – Panik – Depression – Neubesinnung – Normalisierung

Während China bereits auf die letzte Phase „Normalisierung“ zusteuert, befindet sich Deutschland noch in der Panik- (z.B. Hamstern) bzw. kurz vor der „Depression“-Phase (z.B. aufgrund von Isolation, Existenzängsten wegen Jobverlust oder Verdienstausfällen).

1.) Inkubation:

Das Virus breitet sich zuerst weit weg von uns aus und gibt uns das Gefühl, geschützt zu sein. Damit wird das Thema eher geleugnet oder bagatellisiert. Während des Karnevals war das Virus bereits bekannt und unter uns. Rückblickend wissen wir, wie gefährlich die Teilnahme eines Infizierten an einer Karnevalssitzung mit 300 Teilnehmern sein konnte. Eine schnellere Verbreitung haben vielleicht die aufgrund von Sturmwarnungen abgesagten Umzüge zu Karnevalssonntag verhindert. Mit den ersten Meldungen nehmen die Gedanken an eine Epidemie immer mehr zu.

2.) Panik

In dieser Phase wirken unsere ureigenen Reflexe: Kampf – Flucht – Angststarre. Je nach individuellen Erfahrungen und Persönlichkeiten herrschen unterschiedliche Verhaltensweisen vor, zum Beispiel:

  • Ausagieren der Panik in Hamsterkäufen
  • unzählige Gespräche, Verbreiten von Nachrichten, erhöhter Redebedarf
  • Flucht ins Leugnen: zum Beispiel Corona Parties
  • Angststarre: Nicht mehr oder nur beschränkt handlungsfähig zu sein.

3.) Depression

Spätestens mit der Ankündigung der Schließung des öffentlichen Lebens fängt diese Phase an. Je nach Ausprägung (mit oder ohne Ausgangssperre) und Überwachung (Kontrollen, Chipkarten, Auswertung mobiler Daten) wird ein kriegsähnlicher Zustand erlebt. Obwohl die soziale Isolation sehr bedrückend sein kann, erlebt man das erste Mal, wieder etwas handlungsfähig zu sein, etwas für die Verhinderung der Ausbreitung tun zu können.

Je kleiner die Wohnungen, desto schwieriger wird die Isolation erlebt. Je länger diese Phase für Personen, die gerne mit anderen in Kontakt sind, dauert, desto bedrückender ist das Alleinsein. Auch das ständige Zusammensein mit der eigenen Familie ist ggf. eine zusätzliche Krise. Die Sorge um Angehörige, die nicht mehr von uns erreicht werden können, nimmt zu. Für vereinsamte und psychisch kranke Personen kann die Isolation extrem belastend sein.

Menschen in helfenden Berufen, aber auch Unternehmer und Manager stehen aufgrund ihrer besonderen Verantwortung und ihrer eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten unter besonderem Druck.

Schnelle staatliche Hilfen und das Aufrechterhalten der relevanten Infrastrukturen tragen in dieser Phase maßgeblich dazu bei, nicht zu tief zumindest in existentielle, unternehmerische und wirtschaftliche Krisen zu fallen.

4.) Neubesinnung

Da wir einen neuen Handlungsrahmen aufgezwungen bekommen, sucht man nach neuen Lösungen für bestehende Herausforderungen. Kommunikation wird über vielfältige – meist digitale – Angebote aufrechterhalten, face to face Kontakte über Distanz werden eingeübt. Hier zeigen sich oft das erste Mal sehr tiefgreifend die Vorteile der seit Jahren vorangetriebenen Digitalisierung. Was bisher unmöglich schien, wird jetzt ausprobiert und festgestellt, dass vieles geht. Die Notwendigkeit zwingt uns zu Erkenntnissen, die wir freiwillig (digitale Kluft der älteren Generationen) vielleicht nicht gegangen wären.

Familien und Freunde kümmern sich mehr umeinander, führen tiefere Gespräche, für viele ist die Entschleunigung die Chance, Beziehungen zu intensivieren.

Chefs und Mitarbeiter erleben eine neue Selbständigkeit und Vertrauen, dass auch ohne „persönliche Überwachung“ vieles läuft. Zu Hause und in Betrieben kümmert man sich um Liegen gebliebenes, wozu man sonst kaum Zeit hat.

5.) Normalisierung oder Neuordnung

Wenn die Pandemie auf ein kritisches Maß eingedämmt wird, können die Fäden wieder aufgenommen werden. Menschen dürfen wieder am öffentlichen Leben teilnehmen und Geschäftsbeziehungen werden wieder aufgenommen. Das Gefühl der Erleichterung, des Neubeginns tritt in den Vordergrund. China versucht sich gerade in dieser Phase. Sicherlich bleibt die Vorsicht jetzt noch ein Begleiter und wir kehren in eine Welt zurück, in der Corona entscheidende Spuren hinterlassen hat. Was wir daraus lernen werden, wird sich noch zeigen.

Entscheidend ist der Umgang mit der Pandemie: Im besten Fall werden wir uns nach einigen Wochen oder Monaten auf den Weg machen in die Normalisierung. Im schlimmsten Fall könnte ein erneuter Ausbruch den Krisenverlauf noch einmal starten. Wir hätten allerdings schon wichtige Erfahrungswerte.

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